Lesetipp: Das Mädchen mit dem Fingerhut (Michael Köhlmeier)

Lesetipp: Das Mädchen mit dem Fingerhut (Michael Köhlmeier)

Dezember 26, 2019 0 Von DorokatH

Klappentext: Irgendwo in einer großen Stadt, in Westeuropa. Ein kleines Mädchen kommt auf den Markt, hat Hunger. Sie versteht kein Wort der Sprache, die man hier spricht. Doch wenn jemand „Polizei“ sagt, beginnt sie zu schreien. Woher sie kommt? Warum sie hier ist? Wie sie heißt? Sie weiß es nicht. Yiza, sagt sie, also heißt sie von nun an Yiza. Als Yiza zwei Jungen trifft, die genauso alleine sind wie sie, tut sie sich mit ihnen zusammen. Sie kommen ins Heim und fliehen; sie brechen ein in ein leeres Haus, aber sie werden entdeckt. Michael Köhlmeier erzählt von einem Leben am Rande und von der kindlichen Kraft des Überlebens – ein Roman, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.

Wir haben dieses nur 140 Seiten starke Buch im Literaturkreis gelesen und besprochen und hatten jede Menge Gesprächsanlässe. Die Erzählung ist trotz der Kürze so dicht und gut gemacht, dass wir jede Menge zu besprechen hatten. Der Erzählstil ist nüchtern und einfach, nahezu wertungsfrei und emotionslos. Dazu im Kontrast steht die Handlung, die Geschichte des Mädchens Yiza, das völlig auf sich gestellt in einer Stadt in Westeuropa überleben muss. Die einfache Erzählsprache, die eigentlich nur nüchtern und sachlich Fakten darlegt, lässt es wirken, als wäre die Geschichte aus der Perspektive des Mädchens geschrieben, doch hier und da spürt man doch einen auktorialen Erzähler, der Kontraste herausarbeitet und Dinge ironisierend gegenüberstellt. Immer wieder begegnet Yiza Menschen, die ihr helfen möchten, doch die Erzählung zeigt, dass es nicht immer so einfach ist, Menschen wirklich effektiv zu helfen und Mitleid allein nicht reicht. Yiza trifft in den Jungen Sharman und Arian auf Verbündete, denen sie vertraut. Gemeinsam schlagen sie sich am Rande der Gesellschaft durch, bis ihr Weg letzten Endes ein katastrophale Wendung nimmt.
Michael Köhlmeier spielt mit Märchen- und Mythenmotiven. Immer wieder bricht er die Erwartung der Leser und zeigt damit, dass Yizas Geschichte, die stellenweise Anklänge an Sterntaler, Hänsel und Gretel oder Das Mädchen mit den Schwefelhölzern hat, keineswegs ein Märchen, sondern leider oftmals bittere Realität ist.